WINTER


Endlich war dieser Tag vorbei. Mit gespielter Fröhlichkeit hatte sie den ganzen Tag die Leute bedient. Und doch ist es ihr nicht immer gelungen diese Fassade aufrecht zu erhalten. Immer wieder schlich sich für einen kurzen Augenblick eine leise Melancholie in ihre Gedanken, bis sie wieder von einem dieser Menschen zurück in die Wirklichkeit gerissen wurde. In der Tat war es nicht mehr als WIRKlichkeit, denn Dinge wirkten und geschahen - aber nicht mehr. Nichts konnte sie wirklich berühren. Es erschien alles so unpassend. Als ob sie nicht in diese Welt gehörte.

Doch nun war es für heute zu Ende. Die Lichter erloschen. Sie ging hinaus. Es war bereits dunkel. Hier und da erleuchteten noch ein paar warme Lichter leblose künstliche Körper in den Schaufenstern.

Die herabgleitenden Schneeflocken wurden vom schwachen Licht vereinzelter Laternen erleuchtet. Einige sahen aus wie schwerelose Irrlichter. Sie wollte nicht auf noch mehr Menschen treffen. Deshalb entschied sie sich, zu Fuß nach Hause zu gehen und die Abkürzung durch den Wald zu nehmen. Der schneebedeckte Weg schlängelt und wand sich wie ein silberner Strom aus flüssiger Seide durch die hohen und seltsam unwirklich scheinenden dunklen Wände der Nadelbäume. Es war alles so surreal. Sie spürte nicht einmal die Kälte des Winters. Wie in einem Traum. Langsam beschritt sie den Weg. Sie erinnerte sich an eine Melodie. Ein leichtes aber von tiefer Traurigkeit geprägtes Violinenspiel. Gedanken beschlichen sie, Gedanken, dass sie so allein war, ganz allein... so allein. Versunken und beschäftigt mit diesen Gedanken nahm sie nicht einmal mehr die Umgebung wahr.

Sie hörte nicht mehr das leise Geräusch des Schnees der unter ihren Füßen zusammensank. Und sie bemerkte auch nicht, dass jemand oder... etwas... sie verfolgte. Plötzlich, für einen kurzen Moment, wurde ihr Geist glasklar - verschwunden die bedrückenden Gedanken und sie nahm einen undeutlichen Schatten, der sich aus dem diffusen Dunkel des Waldes löste und sich auf sie zubewegte, in den Augenwinnkeln wahr.

Doch noch bevor sie auch nur die Möglichkeit dazu bekam zu reagieren, sich zu ihm umzuwenden, verlor sich die Klarheit der Gedanken wieder und wich dem Gefühl eines sanften Schlummers vor einem warmen Kaminfeuer. Nur das leise Rauschen des Windes, der einsam durch die Bäume tanzte, war zu vernehmen. Es geschah alles jetzt nur noch in einer endlosen Langsamkeit. Sie spürte, dass sie nicht mehr ging, nicht mehr stand. Es fühlte sich an, als würde sie auf ein weiches Lager aus verwobenen Träumen gebettet. Über ihr konnte sie nun den hellen, in weißem Licht strahlenden Mond sehen.

Die Schneeflocken legten sich wie ein tröstender Arm um sie. Tiefe, wohltuende Dunkelheit umfing ihren Geist und sie schloss langsam ihre Augen. Auf ihren Lippen zeichnete sich ein friedliches Lächeln. Der kleine, von kahlen Sträuchern gesäumte Teich am Wegesrand verfärbte sich zu einem glitzernden, in der Unendlichkeit zu verschwinden scheinenden dunklen Rot. Ihr Körper indes wurde fahl und fahler, bis ihn das Mondlicht schließlich nicht mehr fand.

Nun war sie endlich daheim.
Wildest creatures sliver dreams
Which phantasy gave birth to once
A fairy-tale to make me shiver

Diary of Dreams - Never!Land